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Der Fusternberg stirbt
 
Submitted by MHaake on Friday, April 27 2007

Es ist der 27.02.2007 um 19:45Uhr, eben komme ich von einer Informationsveranstaltung des Landes NRW zur geplanten B58n (Südumgehung).

Was so schlicht klingt und von den Planern so sachlich vorgetragen wurde, ist für mich die Zerstörung meiner Heimat. Man gab sich viel Mühe alles ganz genau zu zeigen; nahe zu sämtliche Fragen der Bürger wurden beantwortet, wenn auch nicht immer zufriedenstellend. Nein, überheblich war niemand, man nahm die Ängste und Einwände freundlich auf. Der Plan: Eine 4-spuriege, meist tiefer gelegte, z.T. bis zu über sieben Meter, Autobahn gleiche Straße soll meinen Ortsteil prägen. Dabei wird sie ein Teilstück untertunneln und sich, zwischen Häusern, über Wiesen und an Wäldchen vorbei, unter Abschneidung kleinerer Wege großzügig ausbreiten. Wer von den zweidimensionalen Plänen noch nicht bedient war, der wurde durch eine simulierte Fahrt über die neue 58 überzeugt: Dies wird keine einfache Straße, dies wird ein monumentales Bauwerk, die größte Straße Wesels, eine Schneise des Lärmes, der Abgase, des Feinstaubs. Spontan fühlte ich mich an meine Fahrten über die A40 zwischen Rhein-Ruhrzentrum und Essen-Frillendorf erinnert. Diese hohen Betonwände, zwischen denen man von Brücke zu Brücke, von Unterführung zu Untertunnelung fährt und froh ist, wenn man endlich wieder abfahren kann. Der Unterschied ist nur, bei der A40 ist Essen; eine Großstadt mit vielen Möglichkeiten. Die dichte Bebauung umschließt dort die Autobahn, sodass man von dieser in Essen selbst gar nicht so viel merkt. Wie anders dagegen hier, von oben betrachtet wird man den Fusternberg nicht mehr wieder erkennen. Der Blick über kleine Feldwege, Wiesen, Wäldchen und Häuser wird nicht mehr da sein. Stattdessen erstrecken sich hohe, eintönige Lärmschutzwände und rund 20 Meter breite Spuren aus Teer, Beton und Blech. Die Ruhe, die ich hier so liebe, wegen der ich nie dauerhaft von hier weg wollte, wird durch tosende 23.000 Fahrzeuge am Tag schlicht abgelöst. Die klare Luft, in der ich so gern jogge, wird durch Autoabgase weggeblasen. Ich bin hier geboren worden, in den Kindergarten und zur Grundschule gegangen, habe unzählige aber unvergessene Spaziergänge gemacht - und dass soll alles vorbei sein? Ironie, wie oft habe ich meine Freunde und Bekannte mit meiner Heimatliebe verwundert. Es sei doch egal wo man wohnt, wurde mir gesagt. Nein, hielt ich entgegen, die Heimat ist ein Teil von dir, wie viele Erinnerung werden wach, wie viele Emotionen, wenn du an den Ort deiner Kindheit zurück kommst?
Die Bürger an der Schillstraße und anders wo in der Stadt sind natürlich froh, wenn der Verkehr weg ist. Ihre Situation verbessert sich. Ich verstehe diese Menschen sehr gut, aber die Lösung andere leiden zulassen, anderen 100% von dem aufzubürden, was man selbst ertragen hat, kann auch für sie nicht zufriedenstellend sein. Dass es andere Lösungen gibt und gegeben hat, wissen wir, vielleicht keinen Königsweg, aber wo gibt es den schon?
Wenn die Bagger rollen, stirbt meine Heimat und mit ihr ein Teil von mir.
Marco Haake

Ende 2009 soll das Desaster beginnen. Bis dahin werde ich versuchen den Fusternberg zu genießen, aber so unbeschwer wie früher, wird das nicht mehr möglich sein.

(in gekürzter Fassung am 02.03.2007 in der NRZ erschienen)

Einige Impressionen zum Fusternberg, wie er heute noch existiert, finden Sie auf fusternberg.de

Der Fusternberg stirbt

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MHaake writes on 13-09-2008 15:49:
Es ist schon interessant, was von manchen immernoch als fortschrittliches "mit der Zeit gehen" angesehen wird. Das Schreien nach immer größeren, immer schnelleren Straßen, und die Zersiedelung, die sie mit sich gebracht hat, ist schon so veraltet, das Experten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Leider sind Untersuchungen wie diese: http://vorort.bund.net/verkehr/themen/themen_30/files/5056_fakten_ou.pdf
kaum bekannt, die belegen wie wenig Gutes solche "Umgehungen" bewirken. Sie gehen an den bedürfnissen der Menschen und damit auch der Zeit vorbei. Deutschland brauch keine neuen Straßen, was wir brauchen sind Erholungsgebiete und sinnvollere Straßenplanungen und Leitsysteme, wie von der Universität Essen-Duisburg zz. entwickelt werden. Umgehungsstraßen haben noch nie tatsächlich die Probleme gelöst sondern nur verlagert und neue geschaffen.
Wieviel Sinn die neue Rheinbrücke ohne die Südumgehung macht? Nun wieviel Sinn macht sie denn mit Ihr? Nach Angaben des BUND gar keinen. Weil 90% des Verkehrsaufkommens in Wesel Binnenverkehr ist, weil die neue Straße neue Verkehrsströme nach Wesel locken wird und nicht zu letzt, weil die Südumgehung auch mal endet. Dort, wo die Südumgehung auf die alte B58 münden soll fängen die Probleme doch erst an. Dort, genau dort(!), wird die B58 2-spurig, dort kommt es zu Staus. Die Hinführung zur A3 wird sich mit der Südumgehung nicht verbessern und neuer Verkehr, mittlerweile sollen es ja 36.000 Fahrzeuge am Tag sein (2015), wird die Situation noch verschlechtern. Viele werden in Zukunft die Südumgehung nutzen um dem Zubringer B58 zu entgehen und, unter in Kaufnahme eines Umweges, über die B8 und K12 zur Hünxer Auffahrt fahren.  Und dann? Tja dann kommt die A3, die auch nur 2-spurig ist, die auch unter dem Verkehr stöhnt und ächzt.
Statt ewig mit den immer gleichen Methoden, die sich immer wieder als unnütze herausstellen, zu versuchen den immer selben Problem zu begegnen, wäre es vielleicht Sinnvoll über andere Konzepte nachzudenken. Statt der Engführung und Konzentrierung des Verkehrs auf eine einzige Straße, sollten die sich anbietenden Möglichkeiten (B8, K12, Alber-Einstein-Straße, Nordstraße, Emmericher Str., B70 usw.) zur Verteilung der Verkehrsströme genutzt werden, so dass Wege verkürzt und nicht durch Umgehungen verlängert werden. Wir produzieren immer nur mehr Verkehr, wenn wie immer mehr Kilometer Straßen bauen und die Auto- und LKW-Fahrer auf immer weitere Umwege schicken (auch die Umweltzonen gehören genau in dieses Profil).
Wenn Sie sagen hier wird auf die Tränendrüse gedrückt, dann kann ich nur sagen, was hier auf die Tränendrüse drückt, das ist die Unvernunft, mit der immer zu blind nach vorn gestolpert wird, statt die veralteten Konzepte endlich über Bord zu werfen und neue Wege zu gehen.
blackhawk167 writes on 10-05-2007 18:52:
Ich habe diesen Bericht sorgfältig gelesen, und kann diese Gefühle betroffener Anwohner auch verstehen. Ich selbst wohne nicht in Wesel, sondern in Mehrhoog. Hier gab es (noch) keine großen Bauvorhaben, die meine Heimat (ich wohne dort seit dem 4. Lebensjahr) ge- oder zerstört hätten. Aber ich beobachte mich selbst jedes Mal, wenn ich mich wahnsinnig aufrege, weil ich wieder einmal am Bahnübergang warten muss. Vor Jahren habe ich das nicht getan, denn da war die Schranke 2x in der Stunde geschlossen. Heute nennt sich das Ding Betuwje-Linie, der Güter-Verkehr hat deutlich zugenommen, und dann gibt es da noch die ICEs. Die längst benötigte Unterführung wird nicht gebaut, einerseits aus Geldmangel, andererseits aufgrund des Protests betroffener Anwohner. Und genau dagegen möchte ich jetzt mal sprechen. Jede Stadt, jede Ortschaft, jedes Dorf muss sich verändern und weiterentwickeln, um konkurrenzfähig und attraktiv zu bleiben. Und dieses gezielte Drücken auf die Tränendrüse kann ich bei allem Verständnis nicht nachvollziehen. Der Autoverkehr nimmt ja nun schon seit Jahrzehnten überproportional zu, und während vergleichbare Städte sich längst zu attraktiven Einkaufsstädten mit gut ausgebauten Zugangsstraßen gemausert haben, dümpelt Wesel immer noch mit einem Provisorium aus dem Jahre 1953 herum, das schon längst nicht mehr zeitgemäß ist. Jaja, gegen die neue Rheinbrücke hat ja auch keiner was. So schön, so groß, so pompös, vierspurig, mit Radwegen...Sie macht aber ohne entsprechde Anbindungen auf beiden Seiten überhaupt keinen Sinn. Die "Büdericher" leiden seit Jaren an einer Durchgangsstraße, als zeitgemäß wohl kaum zu bezeichnen ist. Und die einspurige B58 auf der anderen Seite, quer durch die Stadt...kein Kommentar. Wie soll die Umgehung denn sonst gebaut werden? Kommt von Seiten der notorischen Meckerer auch mal ein Kommentar, der die Planungen weiterbringt? Okay, dann würde ich vorschlagen, dann lassen wir die Rheinbrücke, und damit auch die Umgehungen ganz bleiben. Alle anderen haben 2007, wie bleiben bei 1953 stehen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Und das praktiziert die Stadt Wesel ja nun schon seit Jahrzehnten "erfolgreich". Unverkennbare Zeitzeichen ziehen halt auch bauliche Veränderungen nach sich. wer das nicht einsehen will, muss seinen Kalender rückdatieren. Die Stadt Wesel ist seit der Jahrtausenwende auf einem guten Weg, die Innenstadt ist in den letzten Jahren deutlich attraktiver geworden, und die Rheinbrücke war ja nun wirklich längst fällig...mit Umgehungen. Bitte bremst diese Fortschritte nicht unnötig aus, bei aller Liebe und allem Verständnis für Eure (vielleicht doch nicht ganz) verlorene Heimat.

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